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Johann Wolfgang Goethe
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Aus einer großen Gesellschaft heraus
ging einst ein stiller Gelehrter zu Haus.
Man fragte: Wie seid Ihr zufrieden gewesen?
"Wären's Bücher", sagt' er, "ich würd' sie nicht lesen."





Björn Benken

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Die gelehrte Antwort


Ganz harmlos kommt dieses kleine Gedicht daher. Mit einer Leichtigkeit, wie man sie aus vielen Gedichten Goethes kennt. Zwei Zeilen Einleitung, anderthalb Zeilen Haupthandlung, und dann, zack... schon die Pointe. Das läßt dem Leser viel Platz, um sich selbst das Wie, das Warum und das übrige Drumherum auszumalen.

Ich stelle mir eine Szene wie die folgende vor: Da verabschiedet sich gerade einer von den Gastgebern, schlüpft in seinen abgetragenen grauen Mantel, und während im Hintergrund noch die Festgäste lärmen und lachen, huscht er davon in die Dunkelheit. Doch auch noch ein anderes Pärchen geht denselben Weg wie er, zufällig. Man kennt sich ein wenig. Also noch ein kleiner Small Talk, der letzte für diesen Abend. "Und, sind Sie denn auch zufrieden gewesen?". Wohlgemeinte Konversation ... und dann diese Antwort! Arrogant? Ein ungalanter Fauxpas? Rücksichtslos ehrlich? So kann man die Antwort interpretieren, durchaus. Aber bei genauerem Hinsehen scheint mir die Reaktion des stillen Gelehrten eher das Gegenteil von Überheblichkeit zu sein; sie ist in meinen Augen ein kleines Meisterstück an Feinfühligkeit.

Man muß das Gefühl vielleicht selbst gekannt haben: Sich in einer großen Gesellschaft fremd und einsam zu fühlen, selbst wenn man mit vielen Anwesenden bekannt ist. Aber die Diskrepanz, die Andersartigkeit: sie ist einfach unübersehbar. Nur für einen selbst?? Zu spät - das Selbstwertgefühl kommt bereits ins Wanken, und um das innere Gleichgewicht zu retten, muß eine Erklärung her. Vielleicht denkt man an Gottfried Benn: "Wo alles sich durch Glück beweist / und tauscht den Blick und tauscht die Ringe / im Weingeruch, im Rausch der Dinge -: / dienst du dem Gegenglück, dem Geist". Heroisch, diese Position... aber wie einsam! Wer keine Aufmerksamkeit erhält, möchte auf Dauer auch keine geben. Spätestens wenn man fühlt, daß das eigene Stillsein - sonst vertraut - in einen langanhaltenden und peinlichen Schweigeanfall ausgeartet ist, steht der Entschluß zum Gehen fest. Je nach Temperament schleicht man sich nun entweder durch das Gartentor davon oder bricht noch schnell einen handfesten Streit vom Zaume, der einen überstürzten Abschied plausibel macht.

Nicht so unser feinsinniger Gelehrter. Er will unter keinen Umständen ungerecht sein. Er sucht einen Vergleich aus der Welt, wo er zu Hause ist: der Welt der Bücher. Dies ist sein Reich, und nur er selbst entscheidet, wie er mit seinen Büchern umgehen will. Er kann sie einmal lesen, er kann sie wieder und wieder lesen, oder er kann sie bereits nach der ersten Seite weglegen. Bücher nehmen es einem nicht übel. Aber Menschen sind keine Bücher. Und er weiß das. Menschen sind verletzbar. Sollten wir nicht versuchen, in allen Menschen etwas zu lesen? So hat es uns die humanistische Erziehung gelehrt. Jeder Mensch ist wertvoll. Bücher hingegen sind keine Menschen... und nur von Büchern hat er doch schließlich gesprochen, nicht wahr? Aus dem hinkenden Vergleich, aus der unvollkommenen Metapher bezieht das Gedicht seine Spannung. Wieviel hat er denn nun gesagt, wieviel hat er nicht gesagt? Doch - unser kleiner Gelehrter war ein großer Diplomat.



Das obige Gedicht findet sich beispielsweise abgedruckt in: Ludwig Reiners (Hg.), Der ewige Brunnen - Ein Hausbuch deutscher Dichtung, Verlag C.H.Beck, 2. Aufl. 1959, S. 675.

Der Verfasser des Gedichts ist Johann Wolfgang Goethe (1749-1832), der sicher mit Abstand bekannteste deutsche Dichter.

Der Rezensent Björn Benken lebt in Braunschweig, hat als Diplom-Ökonom zum Thema "Bekämpfung von Arbeitslosigkeit" promoviert und beschäftigt sich derzeit mit dem Aufbau diverser kleinerer Internetprojekte (wie zum Beispiel diesem hier :-) ).



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