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Erich Kästner
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Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.



Hinweis: Dieses Gedicht wird hier im Rahmen eines selbständigen Sprachwerks zitiert ( 51 UrhG).  Weitere Infos




Kamila Mulas

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Ersunken im Alltag


Im Gedicht "Sachliche Romanze" von Erich Kästner, der von 1899-1974 lebte, wird die Situation zweier Menschen behandelt. Die beiden sind (noch) ein Liebespaar. Durch das ganze Gedicht zieht sich ein Gefühl der bedrückenden Starre und Ruhe (Schweigen). Besonders auffällig ist der Gegensatz in der Überschrift. Dies wird im folgenden geklärt.

Erich Kästner beginnt das Gedicht mit einem Oxymoron. Was ist eine sachliche Romanze? Sachlich ist das größte Gegenteil von Liebe. Diese ist sehr persönlich und intim, niemals aber sachlich. Ich denke damit wird eine gewisse Fremdheit angedeutet, die in der Beziehung mit den Jahren entstanden ist.

In der ersten Strophe beschreiben die ersten beiden Verse die bisherige Beziehung der Liebenden. Es ist eine längere Beziehung und der zweite Vers verdeutlicht die Vertrautheit des Paares, indem er zeigt, was der Beobachter denkt. Im vierten Vers "Wie anderen Leuten ein Stock oder Hut" wird der dritte belegt. Die beiden haben ihre Liebe sehr plötzlich verloren, wie andere Menschen einen sachlichen Gegenstand.

In der zweiten Strophe wird wieder durch ein Oxymoron die Situation dargestellt. Beide spürten, dass ihre Liebe nicht mehr vorhanden war, wollten es jedoch nicht wahrhaben, da sie nicht wirklich wussten was sie ohne sich täten; was danach käme. Dies ist der Gegensatz von traurig und heiter. Der zweite Vers zeigt, wie das Paar alles vertuscht und sich selbst belügt. Im dritten wird die Fassungslosigkeit und aussichtslose Situation unterstrichen. Im vierten Vers kann die Frau ihre Gefühle nicht länger unterdrücken und lässt ihnen freien Lauf. Dadurch, dass der Mann nur daneben steht wird deutlich dass sie kein wirkliches Paar mehr sind. Ansonsten hätte er sie wohl getröstet!? Die Handlungen beider Personen stehen in separaten Sätzen. Auch das kennzeichnet eine Trennung. Sie werden sozusagen durch den Punkt getrennt.

In der dritten Strophe wird zum ersten Mal "gesprochen". Jedoch nur mit indirekter Rede. Der Mann sagt etwas, anscheinend nur um die Leere und unangenehme Stille zu füllen; die Spannung zu lösen. Möglicherweise versucht er dadurch die ganze Situation zu retten. Was er sagt ist aber auch sehr oberflächlich. Die erste und letzte Zeile sind bildlich zu verstehen. "Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken" würde ich so auslegen, dass die Schiffe für das Vorankommen stehen. Das Meer, in dem sie schwimmen, ist das Leben. Die Schiffe, in welche die beiden einsteigen könnten bzw. müssten, damit ihr Leben vorankommt und sich ändert, lassen die beiden vorbeifahren. Den Satz "Nebenan übte ein Mensch Klavier" kann man auf das Leben selbst beziehen. In einem Lied sind es die Töne die auf- und abgehen, genauso gibt es im realen Leben Höhen und Tiefen. Auch übt dieser Mensch Klavier und spielt nicht darauf. Dies bedeutet, dass der Mensch zunächst einmal nur Teile eines Liedes spielt und mit Sicherheit Fehler macht. Jedoch sind die beiden Handelnden in diesen beiden Sätzen passiv. Sie unternehmen nichts für das Vorankommen ihres Lebens; die Höhen und besonders die Tiefen nehmen sie schweigend hin. Dies ist wiederum mit dem Titel verknüpft, der schon diese Monotonie ausdrückt! Nicht nur der Titel, denn eine gewisse Langeweile wird beschrieben, durch die Konjunktion "und", welche sich ständig im gesamten Gedicht wiederholt und oft an Satzanfängen steht.. Dadurch wirkt der Text etwas langweilig/ einfallslos. Zwar verbinden Konjunktionen im Normalfall, "und" kann Sätze oder Handlungen auch trennen.

In der letzten Strophe ändert sich die Umgebung, in der sich das Paar befindet. Mit dem zweiten Vers "und rührten in Tassen" wird gezeigt, dass das Problem auch hier im Cafè weder angesprochen noch gelöst wird. Das Paar findet auch kein anderes Gesprächsthema, als hätten sie sich nichts mehr zu sagen. Es scheint als fühlten sie sich im Café wohler, da sie am Abend immer noch dort sitzen.. Möglicherweise gibt es zu Hause zu viele, teilweise traurige und schmerzhafte, Erinnerungen. Das Café ist eine neutrale Ebene - dort müssen sie kein Liebespaar sein. Im vierten Vers wird mit "sie saßen allein" darauf hingedeutet, dass die Beiden nicht mehr zusammengehören. Dieser Satz ist abermals ein Widerspruch. In Wirklichkeit sind die beiden zu diesem Moment ja nicht alleine. Das Ende des Gedichts macht deutlich, welche Fassungslosigkeit sich breit gemacht hat, über ein so schnelles Ende einer langen, eigentlich guten Beziehung.

Das Problem ist trotz allem nicht gelöst. Alles endet in Schweigen.

In diesem Gedicht wird das Ende einer Beziehung dargestellt. Beide Partner können es selbst nicht begreifen, dass ihre Zuneigung füreinander anscheinend grundlos verschwunden ist. Dennoch schweigen sie es lieber weg, als darüber zu sprechen. Das Gedicht zeigt, von der Überschrift an, wie die beiden tatenlos zulassen, dass ihre Liebe ein Ende nimmt. Ihre Liebe ersinkt im langweiligen Alltag und durch ihre Unfähigkeit zu Kommunizieren scheiden sich schließlich ihre Wege. Beide bleiben in Ungewissheit zurück - als Fremde. Doch haben beide zu dieser Entfremdung beigetragen, die sich nur langsam entwickelt hat. Das hat dazu geführt, dass dies keine Liebe mehr ist, sondern eine Art sachliches, also gefühlloses und neutrales Zusammenleben zweier Menschen.



Das besprochene Gedicht ist zum Beispiel veröffentlicht in: Karl Otto Conrady, Das große deutsche Gedichtbuch, 2. Aufl. der 2. Ausgabe, 1992 (1991), S. 495, Artemis & Winkler, ISBN: 3-538-06634-5.

Der Verfasser des Gedichts ist Erich Kästner (1899-1974).

Die Rezensentin Kamila Mulas hat die obige Gedichtsinterpretation in der 10. Klasse (Gymnasium) als Hausarbeit geschrieben.



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